Ein kleiner Junge sucht in einem dunklen Kellergemäuer nach dem ihm versprochenem Geschenk. Kaum etwas ist zu erkennen und wer auch immer die Nachtsichtkamera hält, treibt Nikolas immer weiter die Gänge entlang. Die beiden kennen sich anscheinend, doch schnell ist klar, dass das was hier passiert nichts Gutes sein kann und der Junge am besten sofort Richtung Ausgang laufen sollte. Das grünschwarze Bild lässt die angsterfüllten Augen riesig erscheinen, wenn Nikolas endlich versteht, dass die Tür die sich gerade schließt, geschlossen bleiben wird.
Der deutsche Film mag für vieles bekannt sein; romantische Komödien vielleicht oder diverse Kinderfilmreihen, doch für den Psychothriller wahrlich nicht.
Wenn in Carsten Ungers „Bastard“ aber schon gleich zu Beginn ein Teenager im Haus des verschwundenen Jungen steht, den Stoffhasen des Vermissten zur Hand nimmt und zur verzweifelten Mutter mit sadistischem Grinsen sagt „Hallo ich bin Fridolin. Mir ist so kalt und ich bin ganz allein“, dann ahnt man schon, dass hier ein perfides Spielchen mit den Figuren, aber auch den Zuschauern, getrieben werden wird.
Der Regisseur kreiert nicht nur genretypische Spannung, sondern erfüllt eben auch den „Psycho“ Faktor, indem er seine Bösen nicht bloß böse sein lässt, sondern durch emotionale Verkettungen und durchdachte Hintergründe, erst die Frage nach der Schuld überhaupt stellt.
Der dreizehnjährige Leon hat keine Identität mehr. Er legt seinen Namen ab, bezeichnet sich von nun an mehr nur noch als X und provoziert seine wohlhabenden Eltern wo er kann. Etwas stimmt mit dem Jungen nicht, soviel ist klar bevor man auch nur einen Satz von ihm hört. Mit dröhnender basslastiger Musik unterlegt, streift er eine leere Vorortsstraße entlang. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern –aber schon bald wird klar: der Junge hat einen Vereinsfreund entführt und plant, ihn noch vor dem Erreichen der Strafmündigkeit, in drei Tagen zu ermorden.
Die gleichaltrige Mathilda, hat wohl noch einen Namen und auch eine Herkunft, sicherlich aber wäre es ihr lieber, es wäre anders. Für ihre alkoholkranke Mutter muss sie die Pflegerolle übernehmen, um sich dann in ihren freien Minuten im Lolitalook an erwachsene Männer heranzumachen.
Zwar erscheinen die Kinder zunächst wie skrupellose Psychopathen, aber in kühlen, krassen Bildern und treffenden Dialogen wird klar, dass die Umstände ihnen kaum eine Chance gelassen haben. Sie lehnen sich auf, gegen Ungerechtigkeit, mangelnde Wärme und Isolation und suchen nach Aufmerksamkeit und Zuneigung mit Hilfe von Gewalt.
Den Höhepunkt der Grausamkeit inszeniert Unger nicht etwa durch blutige Folterbilder Nikolas‘, sondern dann, wenn er Mathilda und Leon dabei zeigt, wie sie sich parasitär in der Familie des Opfers einnisten. Nachdem Leon nämlich erfahren hat, dass die Familie in der er aufwuchs gar nicht die echte ist, sieht er sich im Recht seinen Platz, an der Seite seiner biologischen Mutter, einzufordern.
In diesen Szenen gelingt es Unger, eine eindrucksvoll bedrückende Stimmung zu erschaffen, die förmlich greifbar wird und nicht nur wegen der Thematik an Michael Hanekes „Funny Games“ erinnert. Die doch so unschuldigen Kindergesichter tragen auch hier eine grausame Kälte in sich, die für die hervorragende Besetzung „Bastards“ spricht und auch die harmlosesten Aktivitäten, wie der gemeinsame Besuch im Schwimmbad, werden zur Zerreißprobe.
Markus Krojer und allen voran Antonia Lingemann, die Leon und Mathilda darstellen, überzeugen mit fantastischen Leistungen und laufen einer Schauspielergröße wie Martina Gedeck, als vergleichsweiser nichtssagender Kriminalpsychologin, stellenweise den Rang ab.
Auch wenn Ungers Geschichte an einigen Momenten als zu arg konstruiert erscheint, oder er es anscheinend mit der realistischen Darstellung einer derartigen polizeilichen Ermittlung nicht allzu ernst zu meinen schien; im Großen und Ganzen verblasst die Kritik vor allem dann, wenn man sich den wirklich fabelhaften Stil des Filmes anschaut. Mit untypischen Einstellungen und durchdachter Farbsättigung wird die allgemeine Stimmung des Filmes nicht nur unterstützt, sondern erst komplementiert.
Unger zieht sicherlich eine Gesellschaftskritik - so viel ist klar. Auch bleibt er nicht, wie Haneke, konsequent und bis zum Ende grausam, sondern moralisiert seine Figuren bis zur endgültigen Absolution. Und dennoch erreicht er, dass sein Erstlingsfilm, einen ganz eigenständigen Stil hat, der seine Geschichte beflügelt und Mängel ausbügelt.
Ein Film der ernüchtert; der sich vor unangenehmen Szenen nicht scheut, sondern sie zelebriert. Mit Jungschauspielern die ihre Rollen verstanden zu haben scheinen und einer wundervollen Art und Weise Thematiken nicht komplett aufzudröseln, sondern manchmal einfach nur die Bilder sprechen zu lassen.